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Hart, härter ... Lamer Winkel

Herausgegeben von in Läufe ·
Tags: UltraTrailLamerWinkel

UTLW Ultra Trail Lamer Winkel

„Ein neuer Stern am Trailhimmel“ - das klingt gewaltig nach Superlativ, aber was am letzten Mai-Wochenende dieses Jahr im Bayrischen Wald stattfand, war wirklich super. Trails über Trails, wenig Forststrassen oder Waldautobahnen und noch viel weniger Asphalt. Eine tolle Organisation und eine ganze Region, die ihren Lauf mit Herzblut, Charme und Begeisterung unterstützt hat.

Schnell ausverkauft dank limitierten Startplätzen war es schon fast eine Ehre, diese Erstveranstaltung miterleben zu dürfen. Verbesserungsfähig ? Wenig, sehr wenig. Nicht einmal das Wetter – die Stimmung an der Strecke war sensationell, mystisch, besonders. Wir haben wenig gesehen von den viel gerühmten Panoramablicken, aber das hat nicht gestört.

Die Fahrt in den Bayrischen Wald ist von Ulm aus lang. Die letzten Kilometer ziehen sich durch eine waldige, hügelige Landschaft, die schon erahnen lässt, wie sich die 2700 Höhenmeter am nächsten Tag zusammensetzen werden. Schon weit vor dem Lamer Winkel lacht der Dynafit-Leopard (Dynafit ist Hauptsponsor) von großen Bannern und weist auf den neuen Ultratrail in der Region hin.

Wir beziehen Quartier in Lam, dem Zielort des Laufes. Die Ferienwohnung wird von der Mutter eines der Organisatoren betrieben – witzig, so kommen wir in den Genuß einiger „extra“ Infos rund um den Lauf. Ein herzlicher Empfang und eine Einladung zum sonntäglichen AfterRace-Frühstück. Auf dem Weg zur Startnummernausgabe und Briefing in Arrach, wo der Start sein wird, stoppen wir noch beim örtlichen Edeka. Die Kohlenhydratversorgung vor so einem Rennen will gesichert sein ;-)


Im Seepark in Arrach wehen die Banner von Dynafit, Sziols und Leki über dem bunten Haufen an Läufern. Viele bekannte Gesichter, es scheint fast, die ganze Trailläufergemeinde der Republik hat sich hier eingefunden.
Das Briefing : die drei Bürgermeister der beteiligten Gemeinden Arrach, Lohberg und Lam sind voller Elan und Begeisterung bei der Vorstellung des Laufes dabei. Es zeigt sich nicht zum ersten und erst recht nicht zum letzten Mal, wie sehr sich die ganze Region hinter dieses neue Event stellt.
Der Wetterbericht: Schwamm drüber, es kam alles ganz anders.

Abendessen in Lam, Hopfenschorle zur Füllung der Kohlenhydratspeicher und ab ins Bett. Morgen wird ein längerer Tag: 53Km und die schon erwähnten 2700 Höhenmeter.

Das Wetter am nächsten Morgen sieht nett aus. Der Blick aus dem Küchenfenster Richtung Arber zeigt einen weiss-blauen Himmel. Schön. Der Blick aus dem anderen Zimmer in die Gegenrichtung dagegen … LangarmShirt oder noch ein Funktionsunterhemd ? Die Handschuhe waren jetzt doch nicht in der Liste der Pflichtausrüstung. Aber die Regenjacke. Blick nach vorne: nicht nötig, Blick nach hinten: ja, einpacken. Im Endeffekt entscheide ich mich für die leichtere, eher nur wasserabweisende Windjacke und vergesse dummerweise die Langarmshirts komplett. Sehr dummer Fehler ….
Kurze Fahrt nach Arrach zum Start. Alles sehr entspannt. Die Läufer müssen erst aufgefordert werden, doch ihre Ausrüstung kontrollieren zu lassen und in den Startbereich zu gehen. Der Start selbst erfolgt neutralisiert – ob mit Absicht oder nicht, aber die örtliche Blaskapelle geht die ersten Meter voran. Gut so, denn zuerst erfolgt eine Runde um den kleinen See. Ohne das Einbremsen wären die ersten wahrscheinlich mit ihrem harten Tempo hinten wieder in die Meute reingelaufen.

Die ersten Kilometer verlaufen flach im Talgrund auf kleinen Wiesenpfaden. Trails vom ersten Meter an. Es sind auch 71% Trails versprochen. Erster CutOff bei km9 nach eineinhalb Stunden an der VP1. Klingt gemütlich, aber tatsächlich ist die Strecke von Anfang an anspruchsvoll genug um unötiges Trödeln nicht zu zu lassen. Jeder im Feld wird diese erste Hürde meistern, aber nicht jeder mit einem großen Puffer. Die Versorgungsstationen sind übrigens so reichhaltig bestückt, dass auf die Auswahl von Powerbar getrost verzichtet werden kann.
Nach der VP1 laufen, gehen und wandern wir über herrliche Trails. Waldwege, Wurzeln, Steine, ein paar umgestürzte Bäume, Heidelbeerurwald. Immer wieder Zuschauer mitten im Wald, mitten im Anstieg, noch nach Stunden begeistert applaudierend, einige auch mit Kuhglocken bewaffnet.

Mühlriegel, Ödriegel, Schwarzeck, Enzian – ein kleiner Gipfel nach dem anderen über der 1000m-Marke. Wir laufen auf dem Goldsteig über wunderbare Singletrails. Der Wind nimmt zu und irgendwann fallen die ersten Tropfen. Alles halb so wild. Dann wechselt der Regen kurz zu Hagel, der Wind nimmt weiter zu. Der Weg verlässt den Wald und wir laufen relativ frei auf dem Höhenzug. Der dumme Fehler … Zeltplaneneffekt bei meiner dünnen Jacke: der Wind drückt sie an die Haut und im Nu ist die Nässe durch. Wir laufen im Nebel und den Wolken und ich kühle mehr und mehr aus. Ein höheres Tempo, um warm zu bleiben, kann ich nicht gehen. Mittlerweile sind wir gut über 3 Stunden unterwegs und haben gerade mal 20km geschafft. Die Nässe und Kälte zehrt an meiner Psyche. Wie soll ich so 53km schaffen ? Ausstieg an der VP2 am Großen Arber ? Andreas rettet mich, indem er mir seine Regenjacke überlässt. Er behauptet, ihm würde das Langarmshirt so reichen (das, welches ich vergessen habe). Kurz danach fängt es an zu schütten und ich bekomme ein ordentlich schlechtes Gewissen. Wir versuchen, so schnell wie möglich über den weiteren Höhenzug zu kommen: Enzian und Kleiner Arber. Dort stehen doch tatsächlich Helfer mitten im Regen und Wind, kontrollieren („330 jetzt am Kleinen Arber“) und lächeln, motivieren und feuern an.

Die letzten Meter Anstieg zum Großen Arber verlaufen wieder auf Forststrassen. Der Gipfel ist kaum zu sehen, Kreuz und die Kuppeln der Abhörstation verschwinden fast in den Wolken. Immerhin hat es aufgehört zu regnen und durch den leichten Anstieg wird mir wieder warm. Doch weitermachen ? Kurz unter dem höchsten Punkt das Arberhaus und die VP2. Wieder bestens bestückt. Hier aussteigen ? Mit der Gondel runterfahren ? Offiziell ist hier nichts. Wieviele Läufer mit denselben Gedanken haderten, habe ich später erfahren. Nur wenige sind tatsächlich raus und für die wurde ein Transport improvisiert. Ich selbst finde mich mit Käse, Biskuittörtchen und einer Handvoll gesalzener Cherrytomaten schon beim Abstieg wieder. Es geht steil bergab, Forststrassen durch das Skigebiet, sehr steil. 700 Höhenmeter wollen vernichtet werden. Kurz vor Brennes schallt laute Musik durch die dünner werdenden Wolken: ACDC aus privaten Lautsprechern. Big Party am Streckenrand – und schon wieder versprüht diese Region gute Laune und Motivation. Super. Der Schotterweg geht in einen Waldweg über, der immer weiter Richtung Ebensäge bergab führt. Wir lassen es laufen. Geht super und warm wird mir auch wieder. Meine eigene, nasse Jacke nehme ich aus dem Rucksack und lasse sie im Wind etwas trocken pusten. Ebensäge – zwei Häuser, irgendwo zwei Menschen, sonst nichts. Es geht wieder bergauf, Wandermodus. Die VP3 in Scheiben und damit der zweite CutOff kommen näher. Weit vor dem Zeitlimit passieren wir die Versorgung. Käse, Tomaten, Biskuit und weiter. Ich habe mittlerweile wieder meine eigene Jacke an, der Regen hat endgültig aufgehört und Richtung Tal gibt es sogar das eine oder andere Wolkenloch. Zum Zwercheck hoch ist die Sicht wieder gleich Null. Der Aufstieg ist zäh: Wurzeln, Steine, steile Stufen, der Weg zieht sich recht direkt im Wald nach oben. Dann stehen wir an der tschechischen Grenze und schlängeln uns für knappe 2 Kilometer auf dem Höhenzug zwischen den Grenzpfosten durch. Der Weg ist extrem verblockt und selbst mit nicht so müden Beinen wäre es hier nur schwer zu laufen.

Dann wird’s bergab matschig, schlammig, rutschig. Der Bergwald spuckt uns nach kurzer Zeit auf einer Forststrasse aus, die sich gefühlt ewig auf halber Höhe dahinzieht. Oben am Kamm brütet der Auerhahn und der Naturschutz hat die Nutzung des oberen Weges untersagt. Völlig okay, mal kurz eine Waldautobahnen ist erholsam und wir können endlich etwas Strecke machen. Es stehen noch mehr als 10 Kilometer auf dem Plan. Mitten im Rollen scharf rechts und es geht wieder steil bergauf zum Osser. Unzählige Steinstufen, vorbei an Motivationsschildern („man muss kein Idiot sein, um diesen Trail zu laufen, aber es hilft ungemein“) und zuletzt über einen schmalen, drahtseilversicherten, alpinen Pfad und wir stehen am Osser. Am Osserhaus kurz unterhalb des Gipfels die VP4. Auch hier lachende, flachsende Helfer. Alkoholfreies Bier, Cola, Tomaten und vieles mehr. Kurz gestärkt und von nun ab soll es bergab gehen. Doch da ist noch der Kleine Osser am Wegesrand ! Mit einem kurzen giftigen Gegenanstieg nehmen wir den auch noch mit. Der Abstieg hat es in sich und kommt fast einer kleinen Kletterei an (zumindest mit den müden Beinen). Auf der Osserwiese der Blick ins Tal und nach Lam. Ziel in Sichtweite. Tatsächlich sind es noch 7 Kilometer Downhill … und so recht rund läuft's nicht mehr. Am Bergkirchl beginnt das Schlußschmankerl: der Holy Trail. Ein schmaler Pfad durch die Heidelbeerbüsche, sanft fallend. Ein Traum. Den müsste man mal ausgeruht laufen ! Mittlerweile hat sich die Sonne durchgesetzt: eine Sommerwiese, ein kleines Waldstück und schon stehen wir an den ersten Häusern von Lam. Kurz durch den Ort, links auf den Marktplatz und dort erwartet uns schon der rote Teppich und das Zieltor. 9 Stunden 4 Minuten …. ufff. Aber was für ein genialer Lauf ! Übrigens: die erste Finishermedaille, die ich gerne angenommen habe ;-) … Drexler's Trailwasser. Lecker.

Der Sieger Matthias Baur hat 5:07 gebraucht, der letzte Läufer kommt kurz vor Zielschluß nach 10:44 rein. Etwa 15 Läufer sind ausgestiegen, es gab trotz der schwierigen Strecke keine Verletzungen. „Neuer Stern am Trailhimmel“ ? Ja !!!!




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